Zwischen Instabilität und Ordnung

 

Die italienische Kunst hat in Europa, besonders auch in Deutschland, eigentlich immer interessierte und wohlwollende Beachtung gefunden.

Dies gilt nicht nur für die Renaissance-Malerei, sondern auch für die Moderne. Denken wir nur an Lucio Fontana, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Bewegung des Spazialismo in Mailand ins Leben rief; an Severini, der in Paris die Scuola d'Arte Italiana begründete; an die Arte Povera-Bewegung der sechziger und siebziger Jahre oder schließlich die auf die klassischen Medien Malerei und Zeichnung in unterschiedlicher Weise zurückgreifende Generation mit der Gruppenbezeichnung Transavanguardia.

Die italienische Kunst hat in Europa, besonders auch in Deutschland, eigentlich immer interessierte und wohlwollende Beachtung gefunden.

Dies gilt nicht nur für die Renaissance-Malerei, sondern auch für die Moderne. Denken wir nur an Lucio Fontana, der nach dem Zweiten Weltkrieg die Bewegung des Spazialismo in Mailand ins Leben rief; an Severini, der in Paris die Scuola d'Arte Italiana begründete; an die Arte Povera-Bewegung der sechziger und siebziger Jahre oder schließlich die auf die klassischen Medien Malerei und Zeichnung in unterschiedlicher Weise zurückgreifende Generation mit der Gruppenbezeichnung Transavanguardia.

Die italienische Konzeptkunst mit Paolini oder Agnetti, die Arte Povera mit Kounellis, Boetti und Merz, die Arte Cifra mit Paladino - sie alle sind auch in Deutschland bekannt geworden, auf der Dokumenta in Kassel ebenso wie (beispielsweise) in einer Ausstellung der Stadt Frankfurt im Jahr 1985, die Hauptwerke aus dem Museo d'Arte Contemporanea aus Mailand vorstellte.

Ich meine, es ist an der Zeit, das junge, aber auffällig wachsende Werk Ippazio Fracassos in die Darstellung dieser Entwicklungen einzufügen. Auch er lebt, wie viele der genannten Maler, keineswegs nur in seiner Heimat, im Gegenteil: In der Kaufmannsstadt Bielefeld ist er sozusagen vor Anker gegangen, genießend die Andersartigkeit einer 'nordischen' Spröde und Zurückhaltung.

Aber die kulturelle Erbschaft seines Herkunftslandes wird er nicht los, im Gegenteil. So hatte ich es bereits im ersten Band 'Concrescismo' (1992, S.22 f.) formuliert: "Obwohl die Kulturszene seiner neuen Heimat ihn maßgeblich geprägt hat, ist es doch bemerkenswert, wie die italienische Tradition direkt durchschlägt. Was - in verschiedener Weise - bei Chia, Clemente, Cucchi oder Paladino zu studieren war, wird auch bei Fracasso deutlich: Das italienische Kulturerbe ist eine tragende Kraft.

Fracasso zwingt den Betrachter seiner Bilder, den oberflächlichen Blick auf Italien zu vertiefen. Nicht Sonne, Strand und Meer sind die genuin italienischen Beiträge zur europäischen Kultur, sondern die lebendige Stärke einer Formensprache, die den Italienern gleichsam im Blute liegt (...). Die italienische Renaissance wurde von Fracasso, als er während seiner intensiven Museumsstudien ihren Werken begegnete, sozusagen in der eigenen Seele wieder entdeckt, von Michelangelo, Tizian, Raphael bis zu einem Guido Reni oder Parmigianino.

Auch die großen Meister der klassischen Moderne, Carra, de Chirico oder Morandi etwa, sind Fracasso, ehe er ihre Bilder überhaupt sah, in den eigenen Bildern wieder begegnet, wenn auch in verwandelter Gestaltung. An Fracassos Kunst lässt sich studieren, wie die Sicherheit einer tragenden und immer qualitätvollen Tradition Selbständigkeit erst ermöglicht. Sie auch ist es, die ihm die Transformation italienischer Themen und Erfahrungen in neue Deutungsbilder vollzieht: etwa die architektonische kulturelle Überlieferung, das Menschenbild, der Katholizismus. So hat er klassische Themen teils ironisch (...), teils Deutungstraditionen seinerseits deutend (...) wieder aufgegriffen."

 

Nach einer Periode stark surrealistisch bestimmter, oft düsterer Bilder, nach Versuchen in der Akt- und Körpermalerei, einer langen Phase der Auseinandersetzung mit der natura morte hat Fracasso im Ende 1991 proklamierten 'Concrescismo' zwei Themenbereiche, die ihn stets beschäftigten, zusammengefasst und formal weitergeführt: architektonische Gestaltung und menschliche Gestalt.

Damit nahm er eine Reduktion seines oft ausufernden Repertoires vor, wie sie das Tizian anspielende großformatige Gemälde 'Venus' (Abb. 2) deutlich macht. Farbkomposition, Umrissgestaltung und architektonische Ur-Zeichen (Treppen, Eingänge, Gitter) verbinden sich zu einer intensiv gestalteten Seelenlandschaft.

Der anlässlich der ersten Ausstellung im Centro d'Arte San Vidal U.C.A.I. (Venedig 1992) edierte Katalog dokumentiert diese zunehmende Konzentration eindrücklich. Es sind nicht allein die Farben, die Fracassos malerische Welt konstituieren; aber sie sind es ohne Zweifel, auf die der Betrachter am direktesten und spontansten reagiert.

Wer Fracassos Heimat, Apulien im Frühling, Sommer oder Herbst erlebt hat, wenn die riesigen Olivenhaine dunkelgrün in der Sonne flimmern und die Schatten kalkweißer Häuser quer über die Straße liegen, der hat eine Ahnung von den Farberlebnissen aus einer immer noch weitgehend ungestörten Landschaft, die Fracasso von Kind an begleitet haben. Als er dann in die 'nördlichen' Metropolen kam (Hannover, Paris, Amsterdam, Hamburg, Kopenhagen), tauchte er in eine andere Welt ein, die von der bäuerlichen Getragenheit und Dichte nur zu verschieden war: Stroboskope der Disco, Flackerlichter der Werbung, Videoclips (an denen er mitgewirkt hat).

Alles dies fügt sich in seinen Bildern wieder zusammen, gibt ihnen Strenge und sinnliche Offenheit zugleich. Es ist diese existenzielle Spannung, die Fracasso in seine Auseinandersetzung mit der Gegenwartskunst mit hineingetragen hat und im 'Concrescismo' zur Gestaltung brachte, als Verbindung von Tradition und Moderne, von Formen, Farben sowie Licht und Schatten, als Integration von Menschen-Gestalten und der von ihnen geschaffenen Umwelten, Zeichen eines Zivilisationsprozesses, der noch nicht zu Ende ist, in der Einschätzung bei Fracasso aber doch zunehmend ambivalent gesehen wird.

Beaucamps Satz "Künstler müssen sich heute durch beides, durch die Geschichte und eine inzwischen vergangene Moderne, durcharbeiten, um zur eigenen, unverwechselbaren Zeitgenossenschaft zu gelangen" (1994), trifft Fracassos Werk in geradezu auffälliger Weise.

Fracasso legt strengen Wert auf das Handwerkliche - allen seinen Bildern ist dies anzumerken. Wenn Opernsänger meinen, Wagner sei leichter zu singen als Mozart, so hat diese Ansicht ihren Grund in der Erfahrung, dass bei Mozart jeder falsch gesungene Ton auffällt. Auch Fracasso erlaubt sich keine "Schummelei".

Die von ihm gemeinten Themen werden in ihren Formcharakter malerisch übertragen und stehen auch in ihren malerischen Mitteln offen zutage. Entsprechend hält der Künstler derzeit wenig von Konzept-Art, und er misstraut der romantischen Sehnsucht nach einer Ideen-Kunst, die Malerei und Wirklichkeit in der Transgression des Bildes zusammenzwingen will. Diese Art Avantgarde ist für ihn nicht am Leben zu halten, und wenn man sein Werk einordnen müsste, könnte an dieser Stelle durchaus auf die Transavanguardia verwiesen werden.



 

Dieter Baacke

 

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